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Warum das Dschungelcamp eine hervorragende Sendung ist, Folge 1
Januar 16, 2012, 2:33 pm
Filed under: Essen, Fernsehen, Kultur, Modernes Leben, Uncategorized

Das Dschungelcamp ist, wenn man es als das betrachtet, das interessanteste und unterhaltsamste, was das Fernsehen derzeit zu bieten hat. Vordergründig ist es eine Unterhaltungsshows, in der abgetakelte Stars eklige Sachen machen müssen. Dass sich Menschen, die ihrer medialen Präsenz hinterhertrauern Kakerlaken in den Mund stecken, ist weder für die Ex-Prominenz noch für die kakerlaken schön, schon klar. Das wird von jedem, der meint irgendwas über Moral/Ästhetik/Anstand/Prominenz/Scham/Darwinismus sagen zu können, oft und gerne überall herausposaunt. Nie war es leichter, irgendwie recht zu haben. Will man dem wiedersprechen, rutscht man leicht in die Position des ekellüsternen Primitiv-Fernsehzuschauers, der sich am Leid von anderen erfreut. Jaja.

Bedauerlicherweise geht in einer so offensiv geführten Diskussion, die längst entschieden schien, lange bevor die erste Folge der Show gelaufen ist, der ganze Facettenreichtum der Show völlig vernachlässigt. Was dort im Dschungel passiert ist nämlich wesentlich mehr als ein bloßes Zusammensitzen von Deppen mit Safarihüten, die Insekten essen müssen.

 

Ich werde in den nächsten Tagen in diesem Blog immer wieder über das Dschungelcamp schreiben und versuchen zu erklären, warum es sehenswert ist.

 

Folge 1: Der Maskentanz

 

„Ich bin ein Star, holt ich hier raus“ ist ist ein brillanter, in der Form kaum je dagewesener Schautanz von haltlos bröckelnden Fassaden und kunstvoll arrangierten Images, der in mitunter völligem Chaos endet. Der Mikrokosmos Dschungelcamp ist wenig mehr als eine Mischung aus Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ und William Goldings „Herr der Fliegen“, verpackt in grellbunten, quietchenden, sich permanent selbstreflektierenden Pop. Sonja Zietlow und Dirk Bach (insbesondere letzterer ist eine ideale Personifizierung des Harlekins an der Handelsstation im Kongo, dem Herzen der Finsternis – dazu in einem kommenden Beitrag noch mehr.)

Eine künstlich geschaffene Gruppe von Menschen, die einander nur aus dem Fernsehen kennen sitzt nun im australischen Dschungel aufeinanderund versucht, eine Gruppe zu bilden und nebenbei noch selbst möglichst telegen die eigene Geschichte in die Kamera zu erzählen, um endlich wieder ins Gespräch zu kommen. Das ist soweit schon eine spannende Grundlage, was das Ganze aber in neue Sphären der Seltsamkeit hievt, ist das verkrampfte Festhalten am konstruierten Image. Insbesondere bei drei Personen ist dies bislang (ich schreibe das an Tag drei des Dschungelcamps) höchst spannend zu sehen. Der homophobe Magier Vincent Raven, Daniel Lopez und Micaela Schäfer haben präzise zugeschnittene Rollen, die sie zu erfüllen versuchen, was eine ernsthafte Kommunikation und eine funktionierende Gruppenbildung unmöglich macht. Ein interessantes Beispiel: Micaela rennt den ganzen Tag so gut wie nackt herum, druaf angesprochen kommen einige schmutzige Sätze, dann rutscht die Fassade, Micaela weiß nicht, was sie sagen soll, die Gruppe ist ebenso überfordert. Man steht herum, sagt sich nichts und RTL zeigt das betretene Schweigen vorerst unkommentiert. Dann rückt Micaela ihren Tanga zurecht, sagt wieder was versautes und geht irgendwo hin. Später wird sich selbstverständlich von den Moderatoren darüber lustig gemacht, was aber auch zu beobachten ist, und was eben wirklich spannend ist, ist das Wanken der Kunstfigur. Der folgende Spott der Moderatoren, der sich in bewusst und ganz explizit schlechten Witzen (also Wortspiel-schlecht, nicht boshaft!) führt das Ganze ins Greifbare zurück. Die im Dschungel zerfallende Hülle wird gefeiert. Gelächter, Lautstärke und die bunten Outits kleiden das Ganze ein. Das Ringen um das Image wird zum Pop erhoben. Noch spannender als der Fall Micaela wird der Falkl Vincent Raven. Der homophobe und permanent agressive Zauberer hat ein wesentlich schwerer zu transportierendes Image als Micaela – Sein „Ding“ ist es, dunkler, mysteriöser Vermittler zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten zu sein – also absoluter Humbug. Die Rolle, die er zu spielen hat, ist ungleich schwerer als die von Micaela, die einfach nur ihre Nippel zeigen muss. Vincent muss auch dann, wenn er auf einer dreckigen Hängematte liegt, wenn er den Reis umrührt, wenn er in der Dschungelprüfung ran muss und dann, wenn er mit anderen Image-Menschen redet, die ihrer Rolle bedingt inkompatibel zu ihm sein müssen, der dunkle, mysteriöse Zauberer bleiben und um jeden Preis seine Ernsthaftigkeit wahren. Ein Ding der Unmöglichkeit, aber er wird es versuchen. Und es wird unterhaltsam sein, ihm dabei zuzugucken.

Dieses Spiel, dass sich die Kandidaten selber aufgebürgt haben, ist es, was das Dschungelcamp so großartig macht. Das Nebenbei Kakerlaken gegessen und Emu-Blut getrunken werden müssen, sorgt nur für noch mehr Druck auf die Kandidaten und ist eine weitere Belastungsprobe für das Image.

Mitleid mit den Kandidaten kann man habe, aber nicht, weil sie eklige Dinge machen müssen. Das sind einfache Überwindungsaufgaben, denen man sich stellen kann oder nicht. Auch nicht, weil sie von den Moderatoren verspottet werden, denn das sind, wenn auch teilweise geschmacklose, Witze, die jeder über sich ergehen lassen können muss, der ernsthaft mediale Präsenz einfordert. Vielleicht können Sie einem leid tun, weil sie so viel falsches Mitleid bekommen, aber das ist eine andere philosophische Frage.

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